Goethe zeichnete die Kirche in Hoheneiche

Es darf als glücklicher Zufall angesehen werden, dass die Gemeinde Hoheneiche ein Jahr vor der 750 – Jahr – Feier Kenntnis von einer Zeichnung Goethes erhalten hat, die die Hoheneicher Kirche darstellt. Vor einigen Wochen hat Herr Wolfgang Bach, der Leiter der Fa. Rollmann & Rose, die in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichte Zeichnung dem Festausschuss zugänglich gemacht. Ein ehemaliger Geschäftsfreund seiner Firma, der heute in der Schweiz lebt, hatte sie ihm zugesandt.

Inzwischen konnten von mir weitere Einzelheiten ermittelt werden. Des Original der Zeichnung „Kirche in Hoheneiche bei Eschwege“ gehört zu den Beständen des Goethe-Nationalmuseums der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar. Es handelt sich um eine Bleistiftzeichnung mit Sepialavierung in der Größe 203 x 192 mm. Goethe zeichnete das Blatt, wie seine eigenhän­dige Notiz auf der Rückseite belegt, am 21. August 1801, d. h. auf der Rückfahrt von der Pyrmonter Badereise.

Es ist bekannt, dass Goethe anlässlich seiner Reisen viermal (1779, 1783, 1792 und 1801) Kassel besuchte. Dabei ist er auch durch unsere Heimat gekommen. So zeichnete er 1779 Fachwerkhäuser und einen Dorf­brunnen in unserem Nachbarort Bischhausen. Es darf als sicher gelten, dass er Hoheneiche mehrmals durchquerte, sei es zu Pferde oder in der Postkutsche. Dabei muss die Kirche, das älteste und historisch bedeut­samste Bauwerk unseres Ortes, seine besondere Aufmerksamkeit erregt heben, so dass sich sein Blick zu dem Bild verdichtete, das wir heute vor uns liegen haben. Wir wissen, dass Goethe seine Reiseeindrücke später sich und den Freunden zu Hause anhand von Zeichnungen gern ver­gegenwärtigte. In den „Briefen aus der Schweiz“ schreibt er: „Eine Zeichnung ist immer besser als alle Beschreibungen für einen Abwesenden.“

Aber er führte auch gewissenhaft Buch über seine Reiseerlebnisse. So berichtet er in seinen „Tag- und Jahresheften“ für das Jahr 1801, dass er am 17. Juli Pyrmont in Richtung Göttingen verließ. Von Göttingen reiste er am 14. August nach Kassel ab. Denn heißt es wörtlich: „Den 21. August gingen wir über Hoheneichen nach Kreuzburg; am folgenden Tage, nachdem wir die Salinen besehen, gelangten wir nach Eisenach, begrüßten die Wartburg …“ Hätte Goethe die Zeichnung der Hoheneicher Kirche nicht eigenhändig datiert und lokalisiert – nicht immer ist dies geschehen -, so hätte diese Eintragung als wichtiger Hinweis zur genauen Einordnung des Bildes dienen können.

Vergleichen wir abschließend kurz die Zeichnung-Goethes mit dem heutigen Erscheinungsbild der Kirche. Wir stellen fest, dass die im Vordergrund des Bildes festgehaltene ländliche Idylle nicht mehr existiert. Das zweistöckige Fachwerkhäuschen ist abgerissen, die alten Knüppelzäune und das gerundete Mauerwerk links vorn im Bild sind nicht mehr. Auch die Frauen, die auf der Südseite des Häuschens einen sonnigen Platz zum Verweilen aufsuchten, sind lange. verstorben. Geblieben sind der im Mittelfeld des Bildes dargestellte massive Kirchturm mit Fachwerkaufbau und das nach hinten anschließende Kirchenschiff. Der aufmerksame Betrachter bemerkt allerdings am Fachwerkoberbau des Turmes einige Veränderungen, so z.B. hinsichtlich der Konstruktion des Fachwerks und der Lage des Zifferblattes der Turmuhr. Nach 181 Jahren festzu­stellen, wer zu welchem Zeitpunkt welche Änderungen veranlasste, ist nicht immer leicht. Da sind dem Forscherdrang schon manchmal Grenzen gesetzt.

Es ist selbstverständlich, dass die Zeichnung Goethes in der Festschrift, die zum historischen Heimatfest im nächsten Jahre erscheinen soll, eine angemessene Würdigung erfährt. Dort werden dann auch einschlägige Lite­raturangaben zu finden sein.

P.S.: Dieser Aufsatz, der von mir Anfang Oktober 1992 verfasst wurde, diente als Grundlage für die beiden Zeitungsartikel, die für einiges Aufsehen in unserer Region sorgten, war doch diese Goethe-Zeichnung der Lokal- bzw. Heimatforschung bis dahin unbe­kannt gewesen:

„Hoheneicher Kirche im Jähre 1801“ in: Hessisch – Niedersächsische Allgemeine vom 22.10.1982

„Goethe zeichnete Kirche in Hoheneiche“ in: Werra – Rundschau vom 23.10.1982